Politik

Bengalisch Bielefeld

Von Ralph Würfel (gbs-Regionalgruppe OWL)

Der von Amnesty International zu einem einjährigen Aufenthalt nach Deutschland eingeladene bengalische Blogger Asif Mohiuddin machte am 20. März auch in Bielefeld Station. Die Ortsgruppe der Piratenpartei hatte ihn zu einem Vortrag eingeladen. Dank des Einsatzes von Amnesty International konnte der in seinem Heimatland verfolgte junge Mann aus Bangladesch fliehen. Dort droht ihm aufgrund seines Einsatzes für die Menschenrechte sowie seiner Kritik an der Politik der Regierung und am Islam eine langjährige Haftstrafe. Sein Blog wurde gesperrt, so dass er zur Zeit nur Facebook als Medium nutzen kann. Doch ist es nicht nur die Regierung, die ihn verfolgt – er wurde bereits von Islamisten angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Dass er den Angriff überlebte, ist nur dem dichten Netz an gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Blogger-Szene zu verdanken.

Bengalisch BielefeldUns gegenüber sitzt ein in sich ruhender, strahlender, klarer und beinahe schüchtern wirkender Mann, dem man auf den ersten Blick gar nicht zutrauen mag, einer der engagiertesten und populärsten Menschenrechtler in Bangladesch zu sein. Drei Stunden verbringen wir mit ihm. Detailliert berichtet er über das politische System in seiner Heimat, immer aus einem sehr persönlichen Blick, immer verknüpft mit seiner eigenen Lebensgeschichte. Bewundernswert sein Einsatz für die Frauen Bangladeschs, mutig sein Kampf gegen religiöse Kleingeistigkeit und Bigotterie.

Für uns Mitteleuropäer kaum vorstellbar, dass nur 3-4 Prozent der bengalischen Bevölkerung Internetzugang haben – und dass dennoch ein breite Protestbewegung im Netz entstehen konnte. Die auch auf die Straßen geht. Denn der Protest ist nicht allein Sache der jungen, modernen und im Virtuellen begabten Mittelschicht, sondern es ist mittlerweile der Protest der gesamten städtischen Bevölkerung. Unermüdlich leistet die Bloggerszene Aufklärungsarbeit, informiert die Menschen und attackiert die Borniertheit der Regierungsparteien – ungeachtet der Risiken, die insbesondere aus fundamentalistischen Kreisen kommt. Viele der verführten islamistischen Männer, so berichtet Asif, sind nicht einmal in der Lage, einen Computer zu bedienen – sie kennen also die Inhalte der Blogs gar nicht, sondern berufen sich ausschließlich auf das, was ihre religiösen Führer darüber verbreiten. Und der Hass, den diese auf alles, was nicht islamkonform ist, schüren, hat schon so manchen Blogger das Leben gekostet.

Bengalisch BielefeldAsif ist in seiner Heimat von einem Gerichtsprozess bedroht. Doch nicht nur das – er hat bereits einen solchen hinter sich. Schwer erträglich wird sein Bericht nun für uns Anwesende, wenn er von den Foltermethoden spricht, die die Polizei nutzt, um Geständnisse zu erpressen. So wird er zwar selbst nicht körperlich, aber umso mehr psychisch gefoltert: über Stunden muss er zusehen, wie andere Inhaftierte – an den Füßen aufgehängt – blutig gepeitscht und geschlagen werden. Und: die erste Gefängnisstrafe, die er absitzen muss, verbringt er in einer Zelle mit denjenigen, die ihn vor Wochen lebensgefährlich verletzt hatten. Doch – ähnlich wie bei den beiden prominenten Pussy Riot-Frauen – beugt ihn die Haft nicht, sondern schärft sein Bewusstsein für die Ungerechtigkeiten des Haftsystems, für das er sich nun vermehrt engagiert. Denn, so versichert er uns abschließend, er wird auf jeden Fall in seine Heimat zurückkehren und sein Engagement fortsetzen.

Was können wir von Europa aus für ihn und den Kampf der Menschen in Bangladesch tun?, fragt jemand, bevor das Gespräch endet. Das Wichtigste das ihr für uns tun könnt, sagt Asif: informiert euch über unser Land, über unsere Situation und gebt diese Informationen weiter. Ihr helft uns, indem ihr Öffentlichkeit herstellt. Ich hoffe, diese Zeilen tragen ein wenig dazu bei.

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1 Kommentar zu “Bengalisch Bielefeld

  1. Vielen Dank an Ralph für diesen Bericht. Der Besuch von Asif war für mich ein außergewöhnliches Erlebnis an unserem Stammtisch. Nur selten hat man die Chance, so direkt mit Menschen zu sprechen, die zwar die gleichen Ziele wie die Piraten verfolgen – Informations- und Meinungsfreiheit, Trennung von Staat und Religion, Kampf gegen Korruption – und dabei auch das Internet als ihre wichtigste Waffe verstehen, die jedoch ein unvergleichbar höheres Risiko eingehen müssen um diese Ziele zu verfolgen. Kaum jemand von uns kann sagen, ob er auch dann noch für diese Ziele einstehen würde, wenn er deswegen um sein Leben fürchten und Angst haben müsste, auf die Straße zu gehen.

    Menschen wie Asif zu treffen rückt die Perspektive gerade, lässt alles in einem anderen Licht erscheinen. Bleibt zu hoffen, dass sein Kampf erfolgreich sein wird und wir uns an seinen Mut erinnern, wenn die Lage bei uns irgendwann einmal wirklch ernst werden sollte.

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