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Ein paar Gedanken...

Datenschatz vs. Datenschutz

Logo der Piratenpartei auf bewölkten Himmel projiziert
Foto: Torsten Krahn (CC BY 2.0)

Vorbemerkung: Der OWD, oder Ostwestfalendamm, ist ein Dauerproblem. Als Stadtautobahn konzipiert, ohne ausreichenden Lärmschutz, den bewegten Massen nicht gerecht werdend, eine Schadstoffquelle inmitten eines dicht besiedelten Gebietes, welche Betroffene und Politik schon seit Jahrzehnten begleitet – und die in Kürze, nach der Fertigstellung der A33 wohl noch einmal neue Probleme aufwerfen wird. Das Thema ist schon lange da, und es wird uns wohl noch lange begleiten. Es sei denn…

Im Moment wird wieder mal über eine Zählanlage auf dem OWD nachgedacht. Oder sollte ich sagen: Immer noch?

Die Politik hat diese Forderung jahrelang ignoriert. Mal hat man sich gekümmert, dann ist es wieder in der Versenkung verschwunden. Zuletzt im Februar gab es den Antrag eines Bürgers, dass die Stadt eine Dauerzählanlage errichten solle. Eines Bürgers wohlgemerkt, der den Politikern seit Jahren bekannt ist, und dessen Vehemenz viele von ihnen wohl kaum mehr ertragen können. Passiert ist in all den Jahren – trotz unterstützender Bürgerinitiative: Nichts. Lärm- und Schadstoffbelastung für die Anwohner spielen allem Anschein nach nur eine untergeordnete Rolle wenn es um den Verkehrsfluss in der Stadt geht. Und vor Schadensersatzforderungen will man die Stadt wohl auch bewahren. Wobei es manch einem vielleicht mehr darum geht, sich selbst nicht in die Schusslinie zu begeben, indem man die Versäumnisse der Vergangenheit eingesteht. Nun ja, vielleicht wird es diesmal nun doch und endlich einen Beschluss geben. Ob er kommt, ist alles andere als sicher. Aber er wäre überfällig.

Die geforderte Dauerzählanlage jedoch ist anachronistisch. Gefühlt seit Jahrzehnten gibt es diese Forderung. Sie hat sich längst überholt. Heute haben wir ganz andere Mittel zur Verfügung. Heute können wir die Probleme mit dem OWD wesentlich besser erfassen als mit einer stationären Dauerzählanlage. Diese Anlage gleicht dem Versuch, sich im Zeitalter der Computer mit einer Schreibmaschine vor Überwachung zu schützen. Man erzielt Ergebnisse. Aber wie effektiv ist das schon? Man verzichtet auf – nein, man beraubt sich seiner Möglichkeiten. Wer würde heute noch auf einen Pferdewagen zurückgreifen, um nach Berlin zu reisen?

Wir könnten eine Drohne den Verkehr aus der Luft überwachen lassen, wir könnten jedes einzelne Auto erfassen, 24 Stunden am Tag, an jeder Stelle des OWD. Staus und Verkehrsdichte zu jedem Moment auswerten. Die Daten veröffentlichen, sie Wissenschaft und Wirtschaft, sie jedem zur Verfügung stellen. Sie anschaulich aufbereiten, so dass alle eine Vorstellung von dem Geschehen auf dem OWD bekommen. Wir könnten mit Sensoren auch die Luftqualität und Schadstoffbelastung, selbst den Lärmpegel messen.

Wir könnten die Netzgemeinde die Daten auswerten, Vorschläge für die Lösung kleiner und großer Verkehrsprobleme machen lassen. Wir könnten in einem öffentlichen Verfahren neue, maßgeschneiderte Lösungen für alte Probleme finden. Intelligente Verkehrssteuerungssysteme schaffen und einsetzen. Wir könnten Straßen genau so bauen, wie sie gebraucht werden, und nicht anders, als sie erträglich sind. Wir könnten – wenn wir denn wollten – die Verkehrsführung in der ganzen Stadt, Schritt für Schritt, bedarfsgerecht um-, aus-, und zurückbauen. Wir könnten eine Stadtmobilität erschaffen, die im wahrsten Sinne des Wortes als intelligent bezeichnet werden kann. Weil sie auf einer Datenbasis beruhen würde, von der wir uns heute noch gar keine Vorstellung machen können. Wir würden neue Zusammenhänge im Verkehrsfluss entdecken, die zuvor niemandem aufgefallen, weil nicht zugänglich waren. Wir könnten Stadtplanung auf einem ganz anderen Niveau betreiben, als unsere Vorgänger zu Zeiten der ausgedruckten Pläne, gefalteten Landkarten und kleinen Ausschnitte.

Wir könnten auch die Positionsdaten der Handys auf dem OWD erfassen. Wir wüssten, von wo der Verkehr kommt und wo er hinfährt. Wir wüssten, wie viele Menschen in den Autos sitzen. Wir wüssten, wann sie losfahren, wann sie ankommen, und wie schnell sie unterwegs sind. Und wir könnten das sogar mit den Fahrradfahrern und Fußgängern machen. Wir könnten die gesamte Mobilität, Verkehr jedweder Art (vielleicht nicht der sexuellen) in der Stadt repräsentativ abbilden. Wir wüssten von jeder Ameise im Haufen die Position, ihre Geschwindigkeit, ihre Richtung und sogar ihr wahrscheinliches Ziel. Was könnten wir mit diesen Daten alles anstellen?

Diese Daten bieten ungeahnte Möglichkeiten. Möglichkeiten, von denen wir noch gar nicht zu träumen wagen. Sie sind so umfangreich, dass noch kein Mensch wissen kann, was sich aus ihrem Umfang, ihrer Vielfalt, und ihren unendlichen Kombinationsmöglichkeiten ergeben kann. Manche mögen eine Ahnung haben, aber selbst diesen Menschen eröffnet sich nur ein kleines Fenster auf die Zukunft. Die Daten, die wir bereits heute produzieren; die Daten, die wir produzieren können, sind ein Schatz, den es zu heben gilt. Sie sind der größte, noch weitgehend unangetastete Schatz der Menschheit, und das Gold der gegenwärtigen Zukunft. Kein Wunder, dass die Kapitalisten so versessen darauf sind. Daten versprechen Profit im dritten Jahrtausend. Sie versprechen Wachstum in einer Zeit, in der die Endlichkeit natürlicher Ressourcen immer stärker spürbar wird.

Ich bin Pirat. Das heißt, unter anderem: Ich bin für Datenschutz. Ich will nicht, dass wir wissen, wer sich wo wann aufhält, mit wem er spricht, oder was er sagt. Ich will nicht an jeder Ecke eine Kamera sehen, die Menschen identifiziert. Ich will nicht, dass wir über jedes unserer Worte nachdenken müssen, wenn wir private Korrespondenz betreiben. Und ich will nicht, dass erfasst wird, wann ich mein Haus verlasse, wann ich auf den OWD fahre, wie schnell ich dort fahre, mit welchem Ziel. Es gibt Grenzen im unendlichen Ozean der Daten. So wie manche Spezies gewisse Klimazonen, gewisse Regionen der natürlichen Umwelt nicht besiedeln sollten, weil sie sich in der neuen Umgebung invasiv verhalten und die Vielfalt der vorhandenen Arten zerstören, so sollten auch Staaten und Konzerne, die in den Daten schwimmen, nicht in das Reich der Privatsphäre vordringen. Auch sie drohen, schnell zu einem bestimmenden Faktor in der Sphäre der Privatheit zu werden.

Die einzige Möglichkeit, diese Grenzen zu ziehen, und so Staat und Konzerne auszugrenzen aus unserem eigenen Reich, ist es, diese Grenze selbst zu ziehen. Es gibt keine natürliche Barriere, es gibt keine Schutzzone im Netz von Menschen und Dingen. Privatsphäre benötigt eine eigene Hülle, eine Zellwand, eine Membran, die kontrolliert, was hinein und was hinaus geht. Diese Schutzhülle zu bauen, ist etwas, was jeder Einzelne von uns zur Aufgabe hat. Die Summe unserer individuellen Antworten auf die Frage nach dem Umgang mit unserer eigenen Privatsphäre ist die Antwort, die wir als Gesellschaft auf die Bedrohung derselben geben. Der Schutz der Privatsphäre ist etwas, was wir alle für uns selbst erreichen müssen. Unsere Antworten, heute genauso wie die in 50, 100 oder 1000 Jahren, werden darüber Auskunft geben, welche Bedeutung dem einzelnen Mensch innerhalb der derzeit aufkommenden Weltgemeinschaft zukommt und zukommen wird.

Leben unsere Nachfahren in tausend Jahren ein öffentliches Leben, erfasst und sichtbar für alle anderen vom Moment der Geburt an, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr? Werden sie sich daran stören? Werden sie trotzdem all die Dinge tun, die wir heute tun? Werden Sie frei in Ihrer Entscheidung sein, in der Bewertung ihrer Handlungsoptionen? Freier als heute? Oder werden sie jede Ihrer Handlungen an dem Urteil der anderen messen?

Werden Sie experimentierfreudig sein, neue Dinge ausprobieren? Oder werden sie es vorziehen das zu tun, was alle anderen auch tun? Werden sie ständig nackt rumlaufen, weil sie sich sowieso schon alle nackt gesehen haben werden? Oder wird die Scham sie im Nacken packen, werden sie mit der Badehose zu Hause unter die Dusche gehen? Werden sie sich Privatsphäre bewahrt haben? Werden sie vielleicht neue gewonnen haben? Werden sie wissen, welche Bedeutung dieses Wort in unserer Zeit gehabt haben wird?

Wir legen heute den Grundstein dafür, was Privatsphäre in den kommenden Jahrzehnten, vielleicht in den kommenden Jahrhunderten bedeuten wird. Wir geben heute die Richtung vor, legen das Fundament, auf dem das Haus aus Daten gebaut wird. Wir können heute noch die zehn Gebote für das Datenuniversum niederlegen. Zehn Gebote, die jedoch nicht Gott gegeben, sondern Menschen gemacht sind. Noch haben wir alle Möglichkeiten, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen und bewusst zu gestalten.

Und vergessen wir nicht: die Frage ist nicht ob, sondern vom wem die Gebote aufgestellt, die Grenzen gezogen werden: Von Menschen als Privatpersonen, oder von Menschen im Rahmen ihrer Funktion und ihres Einflusses, innerhalb von Staat und Wirtschaft, als Vertreter derselben. Ob wir wollen oder nicht: Wir müssen, und werden, im Informationszeitalter unseren Platz finden, ihn einnehmen, uns anpassen, als Individuum und als Gesellschaft. So oder so, auf die eine oder auf die andere Art. Wir sind bereits dabei, und die Frage die sich nun stellt: Wer hat in der politischen Auseinandersetzung, die sich in Zukunft immer weniger um die Verteilung materieller Ressourcen drehen wird, dafür umso stärker von der Hoheit über Informationen bestimmt wird, die Nase vorn? Wessen Interessen werden zuerst bedient, wessen sich langfristig durchsetzen? Werden es Staatsinteressen sein, Konzerninteressen, Bankeninteressen? Oder unser gemeinsames Interesse an unseren individuellen Interessen? Wer wird Maßstab sein: Mensch oder Maschine? Mensch oder System?

Als Pirat agiere ich im Spannungsfeld zweier gegensätzlicher Interessen: Dem individuellen, dem Eigenen an meiner Privatsphäre auf der einen Seite. Und dem an der Verfügbarkeit von Daten, der Hebung des natürlichen Reichtums im Informationszeitalter auf der anderen. Daten erlauben es uns, unsere Welt besser zu machen. Besser als sie es je in der Geschichte war. Bessere Daten werden es uns erlauben, materielle Güter schneller, effektiver und gerechter zu verteilen. Wir werden Hunger, Elend, Not und Krieg besser bekämpfen können als je zuvor. Das Potential unser Daten, wir fangen gerade erst an es zu nutzen.

Wir leben in der Zeit des Goldrausches. Alle sind verrückt nach Daten. Abenteurer begeben sich in die unwirtlichsten, gefährlichsten Gegenden, um nach Daten zu graben. Der Reiz der Daten lässt Menschen ohne Rücksicht auf sich selbst oder andere handeln. Big Data ist dabei, zu Big Oil, Big Pharma und Big Banks aufzusteigen – wenn es sie nicht schon übertrumpft hat. Als Pirat fürchte ich, dass der Kampf um die Daten bereits außer Kontrolle geraten – außerhalb unserer Kontrolle angelangt ist. Dass es uns nicht möglich sein wird, uns die Hoheit über unseren ganz privaten Datenclaim von den informationellen Räuberbaronen aus Staat und Wirtschaft zurückzuholen. Aber ich weiß auch, das das Schlimmste, was ich tun kann, ist, den Kampf aufzugeben. Widerstand ist wieder erste Bürgerpflicht. Wir sind es uns allen, wir sind es – vor allen anderen – euren Kindern schuldig, den Begriffen Datenschutz und Privatsphäre in der Zukunft eine Bedeutung zu verleihen, die ihren Ursprüngen gerecht wird. Und wir sind ebenso verpflichtet, unsere Nachfahren in die bestmögliche Lage zu versetzen, es uns gleich zu tun.

Wie frei bin ich in meinen Entscheidungen, wenn jede meiner Handlungen später offengelegt wird – oder offen gelegt werden könnte? Wenn jeder Anschlag auf einer Tastatur, jeder Fingerstreich auf einem Handy mich später einmal einholen könnte? Wenn ich nie weiß, wer gerade was über mich weiß? Wie weit wäre ich in meinen Entscheidungen beeinflusst, wenn mir ständig über die Schulter geschaut wird?

Wie weit treffe ich überhaupt noch selbst die Entscheidungen, schon heute, wenn Algorithmen bereits vorher Auskunft darüber geben, wie ich mich verhalten werde? Wenn Konzerne mir genau die Werbung präsentieren, für die ich in jenem Moment empfänglich bin? Und wie weit kann ich manipuliert werden, wenn ich nicht einmal merke, dass ich manipuliert werde?

Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Gefährlich für das Individuum und die Privatsphäre, aber auch gefährlich für die Freiheiten, die wir in jahrhundertelangen Kämpfen als Gesellschaft errungen haben. Der Besitzstand des vergangenen Jahrhunderts ist durch den Fortschritt bedroht, und wie mit allen Mitteln versucht wird, diesen Besitzstand zu wahren, ihn zu verteidigen, zeigt der niederträchtige Kampf der Rechteverwertungsindustrie. „Raubkopierer!“ schreien sie. Sie blockieren den Fortschritt, verhindern die Entwicklung der Menschheit, für ihren eigenen Profit, für ihre liebgewonnenen Milliarden. Sie verfolgen Menschen, weil diese die besseren Geschäftsmodellen entwickelt haben, lassen sie verfolgen wie Schwerverbrecher, stellen sie mit Räubern und Mördern auf eine Stufe. Allein, weil sie den Profit gefährden. Eine Verfolgung, die auch nicht davor zurückschreckt, jeden zu überwachen, abzuhören, aufzunehmen und durchs Raster zu schicken.

Wir leben in einer Welt, in der der Kampf um die natürlichen Ressourcen der Erde mit militärischen Mitteln geführt wird, und in der gleichzeitig die – in allen praktischen Belangen unendliche – Informationsfülle künstlich begrenzt wird, um den Preis hoch zu halten. Wir leben in einer Welt, in der die Wahrheit im Auge des Betrachters liegt, aber unerwünschte Informationen durch bewusst platzierte an den Rand, in den Bereich des peripheren Sehens und aus der Wahrnehmung gedrängt, bestenfalls verdreht werden. Wir leben in einer Welt, in der Verteilungskämpfe zwischen Menschen geschürt werden, damit sie abgelenkt sind von den eigentlichen Schauplätzen der Auseinandersetzung. Während Menschen ums Überleben kämpfen, während sie sich gegenseitig das Fürchten lehren, bauen die Mächtigen ihre Macht aus, mehren die Reichen ihren Reichtum, und die Mehrheit der Menschen wird mehr und mehr abgehängt.

Der politische Kampf unserer Zeit ist nicht mehr der Kampf um die Macht zwischen Bürgern und Adel, nicht der zwischen Arbeiterklasse und Fabrikbesitzern. Es ist der Kampf zwischen dem Individuum und dem Kollektiv. Zwischen dem Einzelnen als Mensch mit Seele und Bewusstsein und dem System als verbindendem Faktor, vertreten durch seine Institutionen in Form von Staat, Konzernen, Banken, Stiftungen und all den anderen Ebenen öffentlichen Lebens. Der wirklich wichtige politische Kampf unserer Tage wird geführt zwischen den Interessenvertretern individueller Freiheit und den Befürwortern des Selbstbestimmungsrechts einer Person auf der einen Seite, und den Vertretern der Kollektive, der Staaten, Konzerne, Banken und politischen Parteien auf der anderen Seite. Das absurde, vielleicht tragikomische dabei ist, dass das Individuum in dieser Auseinandersetzung nur eine Chance hat, wenn es im Kollektiv handelt – als Bewegung, oder eben als Partei. Darum die Piratenpartei.

Wenn es in unserer Zeit noch eine Auseinandersetzung zwischen „Ismen“ gibt, dann zwischen Individualismus und Kollektivismus. Zwischen Staat und Wirtschaft als Diener des Menschen und Menschen als Diener von Wirtschaft und Staat. Diese Auseinandersetzung dreht sich nicht nur um Informationen, aber diese stehen doch im Zentrum der Rivalitäten. Welche Daten erheben wir, welche machen wir zugänglich, und wem? Gläserner Bürger oder gläserner Staat? Wer wird von wem durchleuchtet?

Welche Nutzung und Erhebung von Daten erlauben wir, welche tolerieren wir? Als Gemeinschaft und als Individuum? Die Antworten auf diese Frage werden auch darüber entscheiden, wie die materielle Güterverteilung in Zukunft aussehen wird. Anders als heute, wo materielle Ressourcen über den Zugang zu Informationen entscheiden, wird es in Zukunft genau andersrum sein.

Die großen Fragen zur Zukunft der Menschheit werden wir nicht als Ganzes beantworten können. Die große Antwort wird vielmehr aus all den kleinen, tagtäglichen Antworten bestehen. Wie zum Beispiel der Antwort, auf die Frage, welche Daten wir beim OWD erfassen, wie wir unsere Verkehrsprobleme anpacken. Der OWD ist nur ein einziges Beispiel, angesiedelt irgendwo zwischen unseren privaten Facebook-Profilen und den alles-erfassenden, alles-speichernden Programmen der Geheimdienste. Der OWD ist ein einziger Markierungsstein auf dem Weg, den wir im Umgang mit Daten und Informationen einschlagen. Wie also sollten wir die Frage zum OWD beantworten?

Ich kann dazu nur meine Meinung äußern. Ich spreche nicht für die Piratenpartei. Der Umgang mit Daten ist die zentrale Gretchenfrage unserer Zeit und der Kristallisationspunkt der Piratenpartei. Hin- und hergerissen zwischen den Versprechungen der Daten und ihren Gefahren ist die Piratenpartei die einzige Partei dieser Republik, die mit offenen Augen die besondere Bedeutung der Informationen für unsere Zeit und unsere Zukunft herauszuarbeiten und deren Rolle zu definieren sucht. Aus einem internationalen, aufgeklärten und technikverliebten Geist heraus sucht sie nach Antworten auf Fragen, die sich nie zuvor gestellt haben. Auf Fragen, die für andere Parteien wie aus einem anderen Universum erscheinen, und welche deshalb noch immer unfähig sind, deren Tragweite auch nur im Ansatz zu erkennen.

Wenn es darum geht, wie man Kartoffeln am besten pflanzt, lagert und zubereitet, sollte man wohl besser den Bauern fragen als die Jäger und Sammler einer vergangenen Epoche. Auch die Bauern sind sich nicht immer einig, sie haben unterschiedliche Meinungen, wie man die besten und größten Kartoffeln zieht, sie probieren Neues aus, machen Fehler, fahren Missernten ein, und müssen manchmal im Winter sogar hungern. Aber sie lernen dazu, sie teilen ihre Erfahrungen, diskutieren ihre Ideen. Deswegen mache ich an dieser Stelle nur eines: ein Rezept für Kartoffelsuppe vorschlagen.

Ja. Wir sollten eine Drohne in die Luft schicken, die den Verkehr aus der Luft 24 Stunden am Tag überwacht. Vielleicht sogar in Echtzeit Daten liefert. Aber: Der Bauplan der Drohne ist öffentlich zu machen, wie auch die Spezifikationen von Kamera und Sensoren. Erfasst werden nur jene Arten von Daten, die zuvor festgelegt wurden. Also z.B. Position, Geschwindigkeit und Weg der Autos in einem klar definierten Gebiet, oder – wenn man sich darauf einigen möchte – z.B. auch Farbe und Typ der Kraftfahrzeuge auf dem OWD. Kameras und Sensoren, oder allgemeiner die eingesetzte Technik sind so zu programmieren, dass die erfassten Daten vor der Übertragung entsprechend gefiltert werden, oder wenn möglich gar nicht erst andere als die festgelegten Daten erfasst werden. Ein Abgreifen weiterer, nicht-genehmigter Daten ist auszuschließen, und eine Speicherung darf nur im Rahmen der Vorgaben erfolgen. Die eingesetzte Software ist, zusammen mit den Hardwarespezifikationen, offenzulegen.

Das gleiche gilt für Mobilfunk-Daten. Es spricht nichts dagegen, die Telefone zu nutzen, um die Verkehrsbewegungen genauer zu dokumentieren. Jedoch dürfen Personen nicht – zumindest nicht ohne explizites Einverständnis – identifizierbar sein. Denkbar wäre dagegen, dass alle in dem Gebiet der Datenerfassung georteten Geräte eine Nachricht erhalten, die über die Datenerfassung, ihren Zweck sowie Art und Umfang der gesammelten Daten informiert, und bei Bedarf den Benutzern noch die Möglichkeit gibt, einer erweiterten Datenerfassung zuzustimmen – vielleicht sogar einer personenbezogenen, wenn man denn unbedingt will.

Es gilt, den Datenschatz zu heben, der auf uns wartet und der es uns ermöglichen wird, uns ein viel genaueres Bild von der Lage, unserer Umgebung und unserer Welt zu machen als alle Methoden des letzten Jahrtausends zusammengenommen. Und doch müssen wir gleichzeitig die Grenzen der Ausbeutung des Datenschatzes klar definieren.

Es ist daher Voraussetzung, dass die Datenerfassung transparent erfolgt. Das heißt, dass die eingesetzte Hard- und Software von jedem analysiert werden kann; dass das Produkt – also die Daten – von jedem eingesehen und geprüft werden kann. Nur so ist eine ausreichende Kontrolle gegeben, nur so kann Missbrauch vermieden oder zumindest so früh wie möglich festgestellt werden. Big Data ist tatsächlich etwas Gutes, aber es benötigt unter anderem Open Data und Open Source als Korrektiv.

Die veröffentlichten Verkehrsdaten können anschließend von jedem – von Unternehmen, von Wissenschaft, von Verwaltung und von den Bürgern selbst – ausgewertet und bewertet werden. Über öffentliche Plattformen können Lösungsvorschläge gemacht und diskutiert werden. Aus den Beiträgen kann ein Konzept erarbeitet werden, welches in seiner Detailtiefe kaum einen relevanten Faktor unberücksichtigt lassen muss. Am Ende wäre es sogar denkbar, per Bürgerentscheid über die Konsequenzen zu entschieden (wobei dieses Mittel nicht in jedem Fall das Beste ist, denn persönliche Verantwortung geht in der Entscheidung der Massen unter, und kann bei einer geheimen Wahl von jedem abgestritten werden – bei einer öffentlichen, gar namentlichen Abstimmung von gewählten Parlamentariern oder Stadträten müssen die verantwortlichen Personen grundsätzlich für ihre Entscheidung haften. Und sei es nur in der öffentlichen Meinung).

Mit den erfassten Daten wüssten wir genau, wann und wo die Problemschwerpunkte beim OWD liegen. Steuerungssysteme in Echtzeit könnten den Verkehrsfluss optimieren, bauliche Maßnahmen könnten maßgeschneidert, und alternative Fortbewegungsmittel passend angeboten werden. Die Möglichkeiten sind – nahezu – unbegrenzt. Warum also sollten wir uns diese versagen? Wir müssen eben nur sicherstellen, dass wir auch genau das bekommen, was wir bestellt haben – und uns vorher im Klaren darüber sein, was wir bestellen wollen.

Jetzt ist die Zeit, darauf Einfluss zu nehmen. Jetzt, bevor die Drohnen von Amazon und Google, von Polizei und NSA dauerhaft über unsere Köpfe schwirren. Bevor andere sich die Daten holen, die uns gehören, und für die wir anschließend teuer bezahlen müssen. Noch haben wir das Heft selbst in der Hand, noch können wir den Fortschritt in unserem Sinne gestalten. Noch müssen wir uns ihm nicht verweigern weil er unseren Ansprüchen nicht gerecht wird. Noch. Aber wer weiß, wie lange noch?

Wenn wir uns dafür entscheiden, Daten als Schatz zu begreifen, den wir heben sollten, müssen wir uns endlich auch der Diskussion stellen, welche Daten erfasst werden dürfen, welche Nutzung wir erlauben. Wir werden gezwungen sein, Antworten finden, wenn es darum geht, wie wir Kontrolle herstellen und ausüben – und wem wir diese anvertrauen. Datensparsamkeit, Datensicherheit und Datenschutz werden so eine praktische Bedeutung erlangen, einen Weg in die alltägliche Wahrnehmung finden. Am Ende, so ist zu hoffen, wird jeder Bürger selbst darüber entscheiden können, wann er mit wem welche (persönlichen) Daten teilt. Vielleicht durch eine App auf dem Smartphone. Etwas, was heute noch in weiter Ferne scheint. Aber schließlich hat jede große Reise mit einem erstem Schritt angefangen. Und das kleine Schritte große Wirkung haben können, wissen wir spätestens, seit wir (nicht) auf dem Mond gelandet sind.

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